Für die neue HEIMAT-Broschüre der Tourismus-Information Simmern/Rheinböllen durfte ich 2025 unter anderem einen biographischen Text über Edgar Reitz verfassen. Ursprünglich war der Ansatz, einen deutlichen Schwerpunkt auf Edgar Reitz Hunsrücker Wurzeln zu setzen, um den örtlichen Bezug deutlich zu machen. Leider wurde der erste Entwurf, den Sie im folgenden lesen können, aus Platzgründen deutlich gekürzt, sodass ausgerechnet vieles von dem (vor allem mithilfe der Autobiographie von Edgar Reitz) liebevoll eingefügten Lokalkolorit wieder verloren ging. Daher veröffentliche ich den Text nun hier. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen daran.
Edgar Reitz – Filmlegende aus dem Hunsrück

Edgar Reitz wird am 1. November 1932 in Morbach im Hunsrück geboren. Sein Vater Robert betreibt einen kleinen Uhrmacherladen, in dem der technisch begabte Bastler neben Uhren und Schmuck später auch selbst hergestellte Radios anbietet. Eine prägende Figur seiner Kindheit ist sein Großvater mütterlicherseits, der als Streckengeher bei der Bahn arbeitet und als Geschichtenerzähler in der ganzen Gegend bekannt ist. Er weckt die Freude und das Interesse des jungen Edgar am Erzählen. Zudem zeigt er sich, angeregt durch das Handwerk des Vaters, technisch sehr interessiert und begabt. Bereits im Alter von neun Jahren führt Edgar Reitz in der elterlichen Garage mit einem Handkurbelprojektor Filmreste vor, die im örtlichen Kino abfallen. An eben jener Stelle in der Morbacher Biergasse ist heute das Café und Kino HEIMAT zu finden, das mit einer Ausstellung und Filmvorführungen immer wieder an den großen Sohn des Ortes erinnert.
Ab Anfang 1946 besucht Reitz das Herzog Johann Gymnasium in Simmern – die meiste Zeit über, indem er täglich die 40 km lange und beschwerliche Fahrt mit der Hunsrückbahn auf sich nimmt. Später findet er phasenweise als Penisonist während der Schulzeit eine Bleibe in Simmern, unter anderem bei seinem als „Legende von konservativem Gymnasialprofessor“1 geltenden Lateinlehrer Oertl. In der Schulzeit entdeckt er, gefördert durch seinen Deutschlehrer Karl Windhäuser, die Liebe zur Literatur und zum Theater. Unter Windhäusers Egide finden auch in den Sommerferien kleine Tourneen der von ihm gegründeten Theatergruppe statt, durch die sich die Gruppe einen Namen in der Region macht. In dieser Zeit schreibt Reitz bereits erste Stücke für die Gruppe.
Doch Edgar Reitz spürt schnell, dass seine Liebe zur Kunst ihn in die weite Welt zieht. Zudem schürt eine ungücklich endende heimliche Liebe zu einer elf Jahre älteren Frau, die als 2Flüchtlingsmädchen“ bei seiner Familie untergebracht ist, die Sehnsucht und den Drang, der geistigen und moralischen Enge des Hunsrücks der Nachkriegsjahre zu entfliehen. In seiner Abiturrede wählt er 1952 dazu passend das Bild der Brücke über den Styx aus der anitken Sage von Orpheus und Eurydike, und Windhäuser verabschiedet ihn mit den daraus entlehnten Worten „Dreh dich nicht um!“.
In München, wo er im Herbst 1952 ein Studium der Theaterwissenschaften beim berühmten Artur Kutscher beginnt, findet Edgar Reitz schnell Zugang in eine Szene kunstbegeisterter junger Menschen. Er gründet die Studiobühne an der Universität München und sammelt erste Inszenierungs- und Regieerfahrungen. Schnell entdeckt er seine Liebe zum Film. Angeregt durch den französischen Unversalkünstler Jean Cocteau dreht er mit zwei Freunden 1954 zwei erste Kurzfilme über die Ruinen der Münchener Residenz. Die dazu erforderliche Arriflex-Kamera erhält er als Leihgabe von Firmenchef August Arnold, weil es ihm als dem technisch geschickten Uhrmachersohn gelingt, Arnolds Bedingung zu erfüllen, die Kamera eigenhändig in alle Einzelteile zu zerlegen und funktionsfähig wieder zusammenzubauen. Seine technischen Fertigkeiten erweitert er später als Assistent des sowohl kreativ als auch technisch höchst versierten Filmavantgardisten Willy Zielke, der bereits an den Olympia-Filmen von Leni Riefenstahl mitgewirkt hatte.
1962 gehört Edgar Reitz zu den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests, mit dem eine Gruppe junger Filmemacher unter dem Motto „Der alte Film ist tot – wir glauben an den neuen“ gegen die verstaubte, immer noch von der (bereits dahinsiechenden) UFA dominierte deutsche Filmbranche aufbegehert und weitgehende künstlerische und ökonomische Freiheiten einfordert. 1965 gründet Reitz zusammen mit Alexander Kluge die erste Deutsche Filmschule, das Institut für Filmgestaltung an der HfG Ulm. 1967 dreht er seinen ersten Spielfilm Mahlzeiten, der bei der Biennale in Venedig als bester Erstlingsfilm ausgezeichnet wird.
Eine erste Wiederbegegnung mit dem Hunsrück geschieht Anfang der 1970er Jahre, als er dort, angeregt durch Fotos im Familienalbum, die seine Mutter zu Kriegszeiten mit einer Freundin in Wien zeigen, den Film Die Reise nach Wien dreht. Hauptschauplatz und -drehort ist Simmern, das für die Dreharbeiten für einige Tage optisch zurück in die Zeit des Nationalsozialismus versetzt wird. Auch die Anwesenheit der für den Film engagierten international bekannten Stars Hannelore Elsner, Elke Sommer und Mario Adorf sorgt für Aufsehen in der Stadt, wo der Film am 26.9.1973 in den Postlichtspielen uraufgeführt wird.
Weltruhm erlangt Edgar Reitz durch die HEIMAT-Trilogie, die ab Anfang der 1980er Jahre großenteils im Hunsrück entsteht. Die insgesamt 30 Filme mit einer Gesamtlaufzeit von über 51 Stunden gelten in der globalen Filmgeschichte als in seiner Art und Qualität einzigartiges Meisterwerk und zudem als Vorbild heutiger Serien.
1995 heiratet Edgar Reitz die Musikerin und Schauspielerin Salome Kammer, die in Die Zweite Heimat und HEIMAT 3 die Hauptrolle der Clarissa Lichtblau spielt. Sie wird fortan zu einer steten engagierten Begleiterin der Reitzschen Projekte und bringt sich mit größtem Engagement u. a. als Regieassistentin ein. „Wir sind begeistert davon, miteinander zu leben“, äußert Kammer 2024 in einem Interview mit der SZ.2 Sie widmet sich aber stets auch den eigenen musikalischen Projekten und wird 2024 dafür mit dem Münchner Musikpreis ausgezeichnet und zur Direktorin der Abteilung Musik der Bayerischen Akademie der Schönen Künste berufen.
2009 feiert das digital restaurierte Frühwerk von Edgar Reitz in Mainz Premiere und macht deutlich, dass er künstlerisch nicht allein auf die HEIMAT-Trilogie zu reduzieren ist. Auch einige frühe Kurzfilme sind damit wieder sichtbar und erlauben ein noch tieferes Verständnis der künsterlischen Entwicklung des Ausnahmeregisseurs.
Anfang 2019 wird in seinem Elternhaus in Morbach/Hunsrück das „Kino HEIMAT“ eingerichtet. Genau an der Stelle, wo Edgar Reitz als Jugendlicher den Kindern aus der Nachbarschaft in einer Garage mit einem handbetriebenen Kinoprojektor Reste von Filmstreifen vorführte, die im örtlichen Kino abgefallen waren, ist das mit 30 Plätzen „kleinste Kino in Rheinland-Pfalz“ entstanden, ausgestattet mit modernster Bild- und Tontechnik.
2022 veröffentlicht Edgar Reitz seine Autobiographie Filmzeit – Lebenszeit, die ein beeindruckendes, äußerst lesenswertes Zeugnis eines bewegten und erlebnisreichen Künstlerlebens gibt. Kurz nach seinem 90. Geburtstag wird in Simmern das Edgar Reitz-Filmhaus als Dependance des Hunsrück-Museums eröffnet. Bürgermeister Dr. Andreas Nikolay betont: „Dies hier soll kein Ort des Konservierens sein, sondern ein Ort des Weiterentwickelns.“ Die Einrichtung sei bewusst darauf ausgerichtet, vor allem junge Menschen an das Thema Medien heranzuführen.3
Auch im hohen Alter verfolgt Reitz noch Filmprojekte. Der Dokumentarfilm FILMSTUNDE_23 greift einen Unterrichtsversuch auf, den er 1968 am Müchener Luisengymnasium durchführte, und ist ein flammendes Plädoyer für die Intergration des Faches Film in die Lehrpläne der Schulen. Mit 92 Jahren feiert er 2025 auf der Berlinale die Premiere seines Spielfilms über den Universalgelehrten Leibniz.
Edgar Reitz erhält mehrere hohe Auszeichnungen für sein Lebenswerk, unter anderem das Bundesverdienstkreuz, den Lebenswerkpreis des Deutschen Regiepreises METROPOLIS, den Horváth-Preis, den Bayerischen Maximiliansorden, den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises, den Sonderpreis zum 75-jährigen Jubiläum der Fondazione Ente dello Spettacolo und die Berlinale Kamera.
Nicht nur mit seiner HEIMAT-Trilogie hat Edgar Reitz Filme von bleibendem künstlerischen, historischen und gesellschaftlichen Wert geschaffen und dem Begriff HEIMAT besonders auch außerhalb Deutschlands zu einer heilsamen Reniassance verholfen. Er hat sich stets engagiert für das Ideal des Autorenfilmes eingesetzt, der Branche immer wieder wichtige politische und künstlerische Impulse gegeben und sich zudem als Professor in Ulm und Karlsruhe in der Filmbildung engagiert. Mit seiner großen Lebenserfahrung und Kompetenz weit über sein Fachgebiet hinaus ist er ein in vielen Belangen gefragter Gesprächspartner. Dabei wird immer wieder sein großes Erzähltalent und sein auch im hohen Alter spürbarer hellwacher geistiger Reichtum deutlich.
© Thomas Hönemann, www.heimat123.de, Stand: März 2025
Fußnoten