Vorgestern, am 20.9., ist im Alter von 83 Jahren nach langer schwerer Krankheit1 Karl-August von Dahl gestorben. Kaum ein Geistlicher hat es in Deutschland und darüber hinaus zu solch großer Bekanntheit gebracht. Dies ist vor allem seinen Engagement an der Spitze der Friedensbewegung gegen die Stationierung von nuklear bestückten Marschflugkörpern in der Raketenbasis Pydna in den 1980er Jahren zu verdanken, das ihm den Spitznamen „Raketen-August“ einbrachte.
August Dahl wurde im September 1942 in Solingen geboren. Der Vater, ursprünglich Maschinenschlosser von Beruf, wurde erst nach Engagement und Leitungsfunktion im CVJM auf dem „zweiten Bildungsweg“ schließlich Pastor in Horn/Hunsrück. Seine Mutter war examinierte Hauswirtschafterin. Die Brüder Wilfried (zunächst Schreiner) und Johannes wurden ebenfalls Pfarrer, die Schwestern Christa und Magdalena Elisabeth wurden Grundschullehrerin und Krankenschwester.2
Dahl besuchte von 1949 bis 1953 die Volksschule in Bacharach und 1953–1962 das Stefan-George-Gymnasium Bingen am Rhein. Sein Theologiestudium führte ihn von 1962 bis 1968 nach Mainz und Göttingen. Neben elterlicher Unterstützung finanzierte er sein Studium u.a. als Postfacharbeiter (hier auch Schulaufgabenhilfe für Kinder von Postkollegen), als Bäckereifahrer, Kellner, Arbeiter an einem Güterbahnhof und in einer Möbelspedition. Ein Jahr lang betrieb er die Kellerkneipe „Sumpf“ in einem Studentenwohnheim der Evang. Studentengemeinde in Göttingen. Nach dem Ersten Theologischen Examen wurde er auf eigenen Wunsch von der Kirchenleitung 1968/1969 zu einem einjährigen Weiterbildungsstudium an die vom Land Nordrhein-Westfalen getragene Sozialakademie Dortmund, die heute ein Weiterbildungsinstitut der Technischen Universität Dortmund ist, geschickt. Er war dort der einzige Theologe unter Gewerkschaftern, Bergarbeiterführern und Verwaltungsangestellten. Es folgte das Vikariat in Essen Altstadt Mitte. Mit dem 2. Theolog. Examen (1971) bei der Ev. Kirche im Rheinland (EKiR) wurde er 1972 zum Pfarrer ordiniert.3
Schon in seiner ersten Pfarrstelle (zunächst als Hilfsprediger) in Essen-Kray betrieb er von 1971–1973 intensive Jugend- und Gemeinde-Sozialarbeit und arbeitete er an der Weiterentwicklung von Unterrichtsmodellen für Religion in der EKiR mit. „Danach war er 1973–1976 Pfarrer in der Justizvollzugsanstalt in Essen und von 1976 bis zu seinem Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand aus gesundheitlichen Gründen 1999 Pfarrer in Bell und Leideneck im Hunsrück. Bei seiner Verabschiedung in der Beller Kirche vermittelte schon die Anzahl der
Laudatoren aus Gemeinden und verschiedenen kirchlichen, kirchennahen und politischen Institutionen eindrucksvoll, wo überall der Pfarrer Dahl über seinen intensiven Gemeindedienst hinaus wirkungsvoll mitgearbeitet hatte. Am Schluss des Verabschiedungsgottesdienstes überraschte ihn vor der Kirchentür noch ein Konzert eigener Art. Mindestens hundert Motorradfahrer ließen kurz die Motoren ihrer Maschinen „erschallen“ – für ihren „Biker- und Bikerinnen-Seelsorger“, der sie von 1992–2012 mit Saisonstart- und Schluss-Gottesdiensten und bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen begleitet hat. Entsprechende Aufgaben versah Dahl zeitgleich für Fernfahrer mit zusätzlich wöchentlichen Treffen am Autohof Elbert Rheinböllen an der A 61.“4
Auch nach seiner Pensionierung 1999 lebte Karl-August von Dahl mit seiner Frau in der Nähe ihrer letzten Wirkungsstätte in Rothenbergerhof, einer kleinen Siedlung in der Gemeinde Bell. Nur etwa einen km von der ehemaligen Raktenebasis Pydna entfernt, die heute als Austragungsort von Nature One bekannt ist, einem der größten europäischen Festivals der elektronischen Tanzmusik.5
Besonderer Erwähnung bedarf Dahls Einsatz zusammen mit seiner Frau Jutta im Rahmen der Friedensbewegung seit 1978: Informationsveranstaltungen von Wien bis Berlin, von Dänemark bis ins Elsass; Organisation von Demonstrationen; Gewaltfreiheits-Trainings; Informationsgespräche mit Polizisten, u.a. an der Polizeischule Wengerohr; sonntägliche Friedensgebete; 1983-1995 Osternacht- und Christnacht-Gottesdienste am „Cruise Missiles“-Stationierungsort; intensive Kontaktpflege mit US-Soldaten und deren Familien. (…) In dieser Zeit wurde Dahl zu einer Person des öffentlichen Lebens, über die alle großen Zeitungen in Deutschland und
Österreich u.a. als den „Raketen-August“ berichteten.6
Während seine Ehefrau Jutta für ihr Engagement in der Friedensbewegung 1988 mit dem damals erstmals verliehenen Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde, brachte es ihm im April 1987 zunächst eine Verurteilung wegen Nötigung bei einer Sitzblockade vor der Raketenbasis Pydna eine hohe Geldstrafe ein. Zehn Jahre später wurde er durch den BGH rehabilitiert. 2002 und 2009 erhielt der die Verdienstmedaille und Staatsmedaille des Landes Rheinland Pfalz für besondere soziale Verdienste, insbesondere sein Engagement in der Friedensbewegung.7
August Dahl engagierte sich bis zuletzt als aktives Mitglied in den Friedensinitiativen Hunsrück-Mosel-Nahe. Aber auch in vielen anderen Bereichen zeigte er sich gesellschaftlich sehr engagiert:
Von 1976 an erteilte er an der Realschule und an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Kastellaun evangelischen Religionsunterricht. Von 1981 bis zur Einrichtung der Gymnasialen Oberstufe an der IGS war er zwölf Jahre Vorsitzender der Bürgerinitiative Oberstufe für Kastellaun. Aufgrund des großen politischen Engagements für Umwelt und Frieden wurden ihm und seiner Frau Jutta 1984 allerdings (durch politische Einflussnahme) die Lehraufträge für das Fach Religion an beiden genannten Schulen entzogen, überdies wurde seine Lehrtätigkeit an der Krankenpflegeschule des Rhein-Hunsrück-Kreises beendet.8
Auch nach seiner Pensionierung war Karl-August von Dahl weiterhin seelsorgerlich aktiv: Von 1998 bis 2018 war er Johanniter-Unfall-Hilfe-Landespfarrer für das Rheinische Oberland, die Pfalz und das Saarland mit Schwerpunkt auf der seelsorgerlichen Begleitung für Fernfahrer und Motorradfahrer. Nach berufsbegleitenden Weiterbildungen in Psychologie, Gestalttherapie, Gestalttheoretischer Psychotherapie und Krisenintervention engagierte er sich in der Notfallseelsorge (SbE), Ehe-, Familien- und Jugend-Lebensberatung sowie Suchtberatung. Er engagierte sich auch im Bereich der Ökumene. Sein langjähriger Weggefährte dabei war der ehemalige katholische Pfarrer von Rheinböllen, Peter Lönarz.9
1993 gründete er die Ökumenische Notfallseelsorge im Hunsrück und war dort ein Jahr der alleinige Ansprechpartner für Polizei, Feuerwehren und Rettungsdienste. Er war Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Bell, aktiv von 1986 bis 2002, danach passiv in der Altersabteilung.
Zudem engagierte er sich auch kommunalpolitisch. Von 1999 bis 2009 gehörte er dem Kreistag des Rhein-Hunsrück-Kreises an – als Parteiloser zunächst über die Liste der Grünen, dann über die Liste „Pro Rhein-Hunsrück“. 2015 gründete er mit anderen die Syrienhilfe Vorderhunsrück.10
Bereits vor 22 Jahren hat Edgar Reitz August Dahl ein Denkmal gesetzt: In HEIMAT 3 – Chronik einer Zeitenwende spielt Dahl sich selbst – nicht etwa als Randerscheinung, sondern als durchgängige Figur. Für den Film wurden mit großem Aufwand Meilensteine der Dahlschen Friedensarbeit nachgestellt, Menschenketten und Friedensgebete an der Hahn-Airbase. Über sein Engagement in der Friedensbewegung hinaus kommt nicht nur seine seelsorgerische Tätigkeit (Weihnachtsmesse, Taufe von Antons Enkel, Tod von Anton), sondern auch sein Einsatz für die Integration der Russlanddeutschen Anfang der 1990er Jahre zur Sprache.
Mit seinem vielfältigen gesellschaftlichen Engagement war und bleibt Karl-August Dahl ein Vorbild, besonders in Zeiten, in denen auch von Seiten der Politik gesellschaftliche Spaltung, Verarmung und Desinformation vorangetrieben werden. Möge er in Frieden ruhen.
Karl-August Dahl in HEIMAT 3 (zum Vergrößern auf das Bild clicken)















Abbildungsnachweis:
- Beitragsbild: Rhein-Zeitung, 29.12.2021, Foto: Werner Dupuis
- Filmstills aus HEIMAT 3 © ERFilm
- vgl. https://www.ekir.de/aktuelles/evangelische-kirche-trauert-um-karl-august-von-dahl-37273 [↩]
- vgl. Dr. Hans-Jürgen P. Walter: Karl-August von Dahl zum 80. Geburtstag, in: GESTALT THEORY Nr. 44, 2022, S. 1–6, online unter https://www.academia.edu/99606379/Karl_August_von_Dahl_Laudatio_zum_80_Geburtstag [↩]
- vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/August_Dahl und Dr. Hans-Jürgen P. Walter: Karl-August von Dahl zum 80. Geburtstag, a.a.O., S. 2 [↩]
- Dr. Hans-Jürgen P. Walter: Karl-August von Dahl zum 80. Geburtstag, a.a.O., S. 2f. [↩]
- In der achtteiligen Dokumentarfilm-Reihe Techno House Deutschland (Episode 8) von 2022 kommentiert Karl-August von Dahl gemeinsam mit seiner Ehefrau Jutta von Dahl das Techno-Festival Nature One und wie diese Musikveranstaltung seit 1996 die ehemalige militärische Raketenbasis Pydna im Hunsrück für eine friedliche kulturelle Feierlichkeit umnutzt. An jenem Ort, an dem von Dahl früher mit zahlreichen Mitstreitern Friedensgebete abhielt und demonstrierte.“ – zit. n. https://de.wikipedia.org/wiki/August_Dahl, der Beitrag ist weiterhin in der ARD-Mediathek anzusehen. [↩]
- Dr. Hans-Jürgen P. Walter: Karl-August von Dahl zum 80. Geburtstag, a.a.O., S. 5 [↩]
- vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/August_Dahl [↩]
- vgl. Dr. Hans-Jürgen P. Walter: Karl-August von Dahl zum 80. Geburtstag, a.a.O., S. 5f. [↩]
- vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/August_Dahl [↩]
- vgl. Dr. Hans-Jürgen P. Walter: Karl-August von Dahl zum 80. Geburtstag, a.a.O., S. 3f. [↩]