Ein persönlicher Nachruf.

Am Sonntag ist in Woppenroth im Hunsrück Marga Molz im gesegneten Alter von 93 Jahren gestorben. Allen, die sich in der Tiefe des HEIMAT-Kosmos zu Hause fühlen, muss nicht erklärt werden, wer Marga war. Das Gasthaus Molz im Herzen des kleinen Ortes Woppenroth war das Epizentrum der Entstehung von HEIMAT. Am dortigen Stammtisch wurden mit Edgar Reitz und Peter Steinbach die Anekdoten aus dem Dorfleben ausgetauscht, die nicht selten Einzug in die Drehbücher hielten. Und in HEIMAT 3 hat Edgar Reitz Marga und ihrem Mann Rudi und ihrer Gaststätte ein Denkmal gesetzt. Ursprünglich sollten die beiden sich selbst spielen, aber leider verstarb Rudi Ende Januar 2002 an den Folgen eines tragischen Unfalls. Marga hat ihn um mehr als 24 Jahre überlebt.
Bereits in den Geschichten aus den Hunsrückdörfern sind Marga und Rudi zu sehen, wie sie den alten und schwerkranken Gustav Molz, Rudis Vater, zum letzten Mal in seinen Heimatort Wolf an der Mosel begleiten.
Wann immer ich im Hunsrück war, ein Besuch bei Marga in Woppenroth gehörte dazu. Es waren stets freudvolle, persönliche Begegnungen, die sich weit über das Thema HEIMAT erstreckten. Und dennoch war stets deutlich, HEIMAT war ein verbindendes Thema. Marga wusste mit nicht nachlassender Begeisterung von ihren Erfahrungen zu erzählen, beispielsweise dem englischen Ehepaar, die äußerten, dass die Queen vor der Tür stehen könne, aber „wenn HEIMAT im Fernsehe läuft, dann gucke mir HEIMAT.“ HEIMAT war für sie, das wurde immer deutlich, ein sehr prägender Teil ihres Lebens. Einige Male gelang es mir auch, eine kleine Gruppe von Hunsrücker Beteiligten in der Gaststätte Molz zu versammeln. Es waren stets schöne, sehr kurzweilige Abende, die ich nicht vergessen werde.


Als es ruhiger wurde in Woppenroth und nur noch selten HEIMATinteressierte Gäste sich in die Gaststätte Molz einfanden, nahm ich wahr, dass Marga trotzdem nicht allein war. Sie wurde sehr regelmäßig von ihrer Familie besucht und berichtete stets begeistert von den Enkeln und (inzwischen fünf) Urenkeln, und immer wieder fanden sich auch Menschen aus dem Dorf ein, die sie besuchten, um „e bessje zu maije“. Zudem lebte sie in den letzten Jahren mit einer Pflegekraft, zu der sie ein ebenso gutes Verhältnis pflegte.
Trotz der erlebten turbulenten Zeiten konnte Marga die um sie herum entstehende Ruhe gut annehmen, und ich hatte nie das Gefühl, dass sie sich einsam in ihrem großen Haus fühlte. Sie wusste ihr Leben in Dankbarkeit und Demut zu leben, trotz des viel zu frühen Todes ihres geliebten Mannes Rudi. In HEIMAT 3 legt Edgar Reitz Pfarrer Karl August Dahl folgende Worte in den Mund:
„Jeder von uns, der das Gasthaus Molz besuchte, kennt diese vergilbte Fotografie, die seit vielen Jahren die Wand neben der Theke schmückte. Ich erinnere mich sehr deutlich an dieses Bild, auf dem man eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen sah, die nach dem Ballspiel auf der Straße zum Oberdorf stehen und ganz ernst in die Kamera schauen. Unser verstorbener Rudi Molz hat mir das Bild vo ein paar Jahren einmal erklärt. Eins dieser Kinder war seine Frau Marlene, damals schon Lenchen genannt, im Alter von kaum sieben Jahren, blond gelockt und voller Zuversicht. Und wer stand auf dem Foto direkt neben ihr, mit stolzem Lächeln und dem Ausdruck ‚Ich bin dein Freund, ich beschütze dich.‘? Das war der kleine Rudi Molz, damals elf Jahre alt, ihr späterer treuer Gemahl. Als ich dieses Bild sah, wurde mir klar: Es gibt Ehen, die werden im Himmel geschlossen …“1
Nun sind Marga und Rudi gemeinsam im Himmel, wo sie „Hunsrücker Platt schwätze“, vereint. Mögen sie von dort liebevoll und wissend auf uns herabschauen.

Fußnoten
- Edgar Reitz: HEIMAT 3. Chronik einer Zeitenwende, Erzählung, München (Knaus) 2004, S. 551f. [↩]