Informationen rund um die HEIMAT-Trilogie von Edgar Reitz

„Mit Alexander Kluge verlieren wir einen leuchtenden Stern.“

Edgar Reitz zum Tod von Alexander Kluge

Abschied von Alexander Kluge

Als ich Alexander Kluge eine Woche vor seinem Tod besuchte, saß er vor seinem Computer und zeigte mir, wie man die KI-Systeme in Widersprüche und Sackgassen locken kann. Er begeisterte sich über die absurden Bilder, die das überforderte System auf den Bildschirm zauberte. Sein Geist sprühte vor Spielfreude, während sein Körper kaum noch in der Lage war, sich aufzurichten. Von Schmerzen gebeugt entwickelte er in Minuten die Idee für eine gemeinsame Ausstellung über das Kino der Zukunft und die Produktion von Hunderten kleiner Filmbeispiele, mit denen wir die Medien überfluten könnten.

Als Gleichaltrige sprachen wir an seinem Arbeitstisch sitzend Hand in Hand über den Tod. Alexander war überzeugt, dass wir in den nicht-realisierten Projekten weiterleben und er wollte dringend von mir wissen, welche Filme ich bisher nicht realisieren konnte. Wenige Tage später der Tod seines Freundes Jürgen Habermas. Alexander rief mich an, aber seine Stimme versagte. Die Nachricht, ein entsetzlicher Schock, hatte ihn sprachlos gemacht. Dass er so schnell hinterherstirbt, zeigt, dass da noch etwas anderes in ihm war, eine lebenslange Panik, die er nur durch eine wahnsinnige Produktivität in Schach hielt.

Alexander Kluge sehnte sich so sehr nach Freundschaft, dass er uns vollkommen verschlingen konnte. In meinem ganzen Leben habe ich keinen Menschen gesehen, dessen Geist derart über alle Grenzen springt. Mit Alexander Kluge verlieren wir einen leuchtenden Stern.

Edgar Reitz


Weiterführende Links:

Alexander Kluges Nachruf auf seinen Freund Jürgen Habermas († 14.3.26) in der FAZ vom 14.3.2026

Erwin Heberling „Zum Tod des universellen Denkers Alexander Kluge“, Filmbüro Hessen, 1.4.2026

Nachruf auf der Seite des Suhrkamp-Verlages

„Sein Staunen hörte niemals auf“ – Nachruf von Peter Neumann für die Zeit, 26.3.2026

„Geschichte war seine Obsession“ – Nachruf von Claudia Lenssen für die taz, 26.3.2026

Lebenslang im Dialog: Universalkünstler Alexander Kluge gestorben, Nachruf auf mdr.de, 26.3.2026

„Je näher, desto ferner“ – Nachruf von Dietrich Leder für den FilmDienst, 27.3.2026

Die Filmakademie trauert um Alexander Kluge, Nachruf von Alfred Holighaus vom 27.03.2026

Alexander der Kluge: Portrait des Intellektuellen als staunendes Kind, wdr 3 Kulturfeature von Cornelia Zetzsche, 28.3.2026

================= Nachricht vom 26.3.2026 =================

Gestern (25.3.2026) ist in München im Alter von 94 Jahren Alexander Kluge gestorben. Ab den Zeiten des Oberhausener Manifests bis in die 1970er Jahre waren Kluge und Edgar Reitz nicht nur im professionellen Sinne (sie gründeten 1963 die erste Deutsche Filmhochschule an der HfG Ulm), sondern auch freundschaftlich miteinander verbunden – die Geschichte der „Göttin“ in Edgar Reitz‘ Autobiographie zeugt davon.

Der gelernte Rechtsanwalt war über sein filmpolitisches Engagement insbesondere 1962 in Oberhausen, wo er als Wortführer der Gruppe galt, zum Film gekommen und hatte sich in der Folgezeit auch an einigen eigenen Projekten versucht, beispielsweise Abschied von Gestern (1966), bei dem Edgar Reitz die Kamera führte, und Der starke Ferdinand (1976), ein Film, den er eigentlich an Edgar Reitz abgegeben hatte und ihm nach mehr als der Hälfte der Dreharbeiten wieder aus den Händen nahm, was die beiden fortan getrennte Wege gehen ließ.

Später trat Kluge vor allem als Fernsehproduzent in Erscheinung. Mit der Gründung der dctp (Development Company for Television Program) 1987 gelang es ihm, eine Plattform für unabhängige Programme im deutschen Privatfernsehen zu schaffen.

Zudem war Alexander Kluge, der spätesten nach seiner Wortführung in Oberhausen als einer der Intellektuellen der deutschen Filmszene galt, Autor zahlreicher Schriften und auch von Hörspielen. Dabei gilt er als „Autorität auf dem Gebiet der Filmtheorie und ist Verfasser diverser Standardwerke zur Filmanalyse. Seine theoretische Konzeption war prägend für den avantgardistisch-intellektuellen Neuen Deutschen Film der 1970er- und 1980er-Jahre.“1 Als Autor machte Kluge sich zudem „durch Kurzgeschichten einen Namen und gehörte zum Kreis der Gruppe 47, außerdem verfasste er wissenschaftliche und philosophische Arbeiten. Für sein Werk erhielt Alexander Kluge zahlreiche Preise, unter anderem den Georg-Büchner-Preis (2003), den Deutschen Filmpreis (Ehrenpreis 2008) sowie den Theodor-W.-Adorno-Preis (2009).“2

Möge er in Frieden Ruhen.

Alexander Kluge 2020 ® Martin Kraft – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=87500788
Fußnoten
  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Kluge []
  2. https://www.suhrkamp.de/trauermeldung/zum-tod-von-alexander-kluge-b-5039 []