Informationen rund um die HEIMAT-Trilogie von Edgar Reitz

Nachruf auf Kurt Wagner

Der folgende Nachruf auf Kurt Wagner erschien am 4. Januar in der Saarbrücker Zeitung. Die Veröffentlichung auf heimat123.de erfolgt mit freundlicher persönlicher Genehmigung des Autoren Tobias Kessler.

Kurt Wagner 2021
© Iris Maria Maurer, Saarbrücker Zeitung

Geplant war es ganz anders. Eigentlich sollte Kurt Wagner nur eine Nebenfigur spielen, mit wenigen Drehtagen – doch daraus wurde eine tragende Rolle in einem Stück deutscher Fernsehgeschichte: In „Heimat“ spielte Wagner den „Glasisch Karl“, ein Dorf-Original (mit richtigem Namen Karl Schirmer), eine Art filmischer Conferencier, der in moselfränkischem Platt durch die Handlung führt. Anfangs spielte Wagner einen 19-jährigen „Glasisch Karl“, am Ende einen 82-Jährigen, mit künstlichen Falten und angeklebtem Bart. Am 29. Dezember ist Kurt Wagner im Alter von 70 Jahren gestorben.

Wie war der gebürtige Saarlouiser in die „Heimat“ (1981/82) gekommen, die heute legendäre Chronik des fiktiven Hunsrück-Ortes Schabbach? Der Kontakt zu Regisseur und Autor Edgar Reitz kam über die Besetzungskartei des Saarländischen Rundfunks zustande, nachdem der damalige Student Wagner (Germanistik, Anglistik, Musikwissenschaft) und Laienschauspieler in Alfred Guldens Revue „Saarlouis 300“ mitgespielt hatte und auch in der SR-Reihe „Mundart um sechs“ zu sehen war – und zu hören in Saarlouiser Platt.

Wagner fuhr nach einem Anruf von Reitz zu dem Regisseur in den Hunsrück, „am selben Tag kam ich mit Vertrag zurück“ – das erzählte er 2006 in einem Gespräch mit der SZ, als die „Heimat“ im Rahmen des Filmfestivals Max Ophüls Preis noch einmal zu sehen war: 15 Stunden am Stück in der Saarbrücker Stadtgalerie.

19 Drehtage sollte seine Rolle umfassen, am Ende waren es über 80. Dass er damals an einem TV-Meilenstein mitmeißelte, hatte Wagner damals nicht so empfunden. „Davon spürte man nichts“, sagte er, „dem Reitz war sogar noch bei der Abnahme des Films durch den WDR sterbenselend. Die Finanzierung wackelte, Produzent Bernd Eichinger hat uns gerettet.“ Derselbe Eichinger, der Wagner dann bei der Premiere beglückwünschte – auf der Herrentoilette, mit einem Prankenschlag auf die Schulter, wie Wagner damals erzählte.

Nach der TV-Ausstrahlung habe man Wagner selbst im „tiefsten Burgund“ auf „Heimat“ angesprochen, erzählte er. Aber von Saarlouis nach Berlin zu ziehen, um dort die Schauspielkarriere voranzutreiben, stand für Wagner damals nicht zur Debatte. Der Kreative und Umtriebige, der mit seiner Firma „BrainInc.“ Werbekonzeptionen entwarf, war ausgelastet mit Amateurtheater, Kinderradio beim SR und mit seiner Band Captain Sperrmüll – zuvor spielte er Bass in der Punk-Band Schmidtz‘ Magische Espresso Band. In einigen Saarbrücker „Tatorten“ war er nach der „Heimat“ zu sehen, spielte unter anderem in der Formation „The Lost Band“, arbeitete vor allem und bis zuletzt als Werbetexter, war Redakteur und Herausgeber des von ihm gegründeten Güdinger Stadtteilmagazins „Gü-Ding“. In Güdingen lebte er zuletzt und wird dort auch begraben.

2021 schrieb Wagner für die Internetseite „heimat123.de“, die sich dem TV-Zyklus widmet, ein Grußwort zum 40. Jubiläum des Dreharbeitenbeginns in und um den Ort Woppenroth. Er denke gerne an „unbeschwerte“ 18 Monate zurück, die am 1. Mai 1981 an seinem Geburtstag begannen. „Ein schöneres Geschenk hatte man mir bis dahin zum Geburtstag nie gemacht.“ Ein „seltsames, fremdes Gefühl“, als „Laie unter Profis“ zu sein, sei schnell abgelöst worden von „einer Begeisterung, die mich durch alle Drehtage getragen hat“. Dieses „später nie mehr erlebte Wir-Gefühl und eine gewachsene Kollegialität“ hätten ihm über Befangenheit und auch Angst hinweggeholfen. „Und nun soll das alles, die spannenden, aufregenden, anstrengenden, oft skurrilen, aber glücklichen Momente sooo lange her sein? Der erste Drehtag also genau 40 Jahre? Wenn ich nicht dabei gewesen wäre – ich würde es nicht glauben! Glückauf, Euer Kurt Wagner.“


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